Das Wappenwesen ist eine Erscheinung der Kultur- nicht aber der Rechtsgeschichte

Prof. Dr. Dr. F. Philippi

 

Der Begriff Heraldik

 

Wie fast überall in der Heraldik wird auch über den Ursprung des Wortes gestritten. Abgeleitet wurde es unbestreitbar von heriwalto - dieses kommt wiederum aus dem germanischen oder althochdeutschen heri  = Kriegsschar/Heer und walt = herrschen, walten. Ob der deutsche Begriff Herold nun tatsächlich aus dem germanischen Stamm, oder den Umweg über das altfranzösische genommen hat, soll hier nicht weiter interessieren. Heraldik bedeutet im Prinzip „die Kunst des Herolds“, oder einfach die Wappenkunde als theoretischer , sowie die Wappenkunst als praktischer Teil. 

 

Vorheraldische Zeit

 

Die Heraldik ist eine uralte Symbolsprache, deren Anfänge weit in die Antike zurückgehen. Schon bei Römern, Germanen und Griechen wurden die Schilde der Krieger bemalt oder mit geometrischen Metallbeschlägen in Kontrastfarben oder auch mit Fellen belegt. Mit diesen Symbolen sollte wohl ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt werden, oder es wurde die Zugehörigkeit zu einer bestimmten militärischen Gruppe angezeigt. Diese Schilde waren aus Holz und die Metallteile verstärkten die Schildmitte, wo der Handgriff auf der Schildhinterseite angebracht war.

Als Beispiele sollen die beiden nebenstehenden Schilde dienen, oben ein römischer Schild, darunter ein normannischer.   

 

 

 

Anfänge und Geschichte der Heraldik

 

Über den genauen Zeitpunkt ab wann von einer Heraldik, im heutigen Sinne gesprochen werden kann, gehen die Meinungen auch wieder auseinander. Es kommt darauf an, wie eng oder weit man den Begriff auslegt.  Im Großen und Ganzen legt man den Beginn auf die Zeit 12. bis 13. Jahrhundert. Wobei der Beginn im Westen früher liegt als im Osten. Vorgänger des Wappenschildes waren die Reiter-Siegel, die seit Beginn des 12. Jahrhunderts, den Ritter im vollen Ornat zeigten. Allerdings sind dort die Schilde oft noch nicht mit Symbolen belegt, sondern „ledige“ Schilde. (Luitpold v. Bayern, Herzog Heinrich von Bayern). Unbestritten ist, daß der Anfang in den Kreuzzügen zu suchen ist, als mit zunehmender Panzerung (geschlossener Helm) der einzelne Ritter nicht mehr zu identifizieren war. Um sich von anderen Kämpfern zu unterscheiden war er gezwungen ein Symbol auf den Schild zu malen. Diese ersten Wappen waren noch rein persönliche Zeichen, die weder vererbt wurden, noch beständig waren. Vielmehr wechselte der Wappenträger sein Zeichen nach Lust und Laune.

Die Erblichkeit des Wappens setzte sich erst im 13. Jahrhundert durch, Helmzier und Helm zum Schild findet man ab etwa 1250 (König Ottokar von Böhmen). Wobei aber Schild und Helmzier als gleichwertig angesehen wurden, man verwendete beides getrennt. Etwa ab 1300 war die Entwicklung des Wappens als Einheit von Schild, Helm und Helmzier abgeschlossen. Ab Ende des 14. Jahrhunderts verschwanden Schild und Helmzier langsam aus der Kriegsrüstung und aus allem wurde eine reine Turnier- oder Prunkrüstung. Mit Ende der Turniere im 16. Jahrhundert wandelten sich die Wappen in reine Sinnbilder, losgelöst vom eigentlichen, kriegerischen Zweck.

Mit diesem Ende verkümmerte die Heraldik mehr und mehr zu einer Pseudowissenschaft, die bis weit ins 19. Jahrhundert gelehrt und teilweise auch heute noch gelehrt wird. Der größte Teil aller Regelungen und Mißverständnisse in der Heraldik rührt aus dieser Verfallszeit. Obwohl sich auch in diesen Zeiten manche Heraldiker gegen  diese Systematisierung und Erstarrung auflehnten.

 

Die Geschichte über die Entstehung der Heraldik muß vielleicht sehr bald umgeschrieben werden.

Grundsätzlich wird in den älteren heraldischen Standartwerken immer wieder die gleiche alte Geschichte wiederholt und in neueren Werken, ohne eigene Forschung und Überprüfung, nur wiedergekaut.

Nach Stephen Friar, Thomas Woodcock, John Martin Robinson und Beryl Platts sind diese alten Ansichten aber heute kaum mehr zu vertreten, oder zumindest zu überdenken.

 

 

Man muß die Geschichte der Entstehung aus der Perspektive betrachten, aus der sie geschrieben wurde. Das war die Zeit einer neuen Renaissance der Heraldik, die Mitte des 19. Jahrhunderts. Adel, Monarchie waren in höchster Blüte und die Vergangenheit wurde romantisch verklärt (Sir Walter Scott); aus diesem Blickwinkel waren und sind die Fehlschlüsse zu sehen und auch zu erklären.

 

These: Die Wappen auf Schilden dienten zur Identifizierung des gepanzerten Reiters, da Helm und Rüstung die Person des Ritters nicht mehr erkennen ließen.

 

Der Schild ist der denkbar schlechteste Platz für ein Identifizierungssymbol im Kampf. Wie lange bleibt es sichtbar und identifizierbar, bei  einem kilometerweiten Ritt durch Staub, Schnee und Schlamm? Im Kampf kommen noch gewaltige Beschädigungen durch Pfeile, Lanzen und Schwerthiebe dazu. Da man nicht davon ausgehen kann, daß vor Beginn eines Kampfes, erst einmal zwei Stunden Schildputzen angesagt war, kann an der Argumentation irgend etwas nicht stimmen.

Der Schild war eine plane oder leicht gewölbte Fläche und wurde (meist) Links getragen. Er ist damit nur noch aus einem eng begrenzten Blickwinkel  zu erkennen. Es ist nicht anzunehmen, daß ein Ritter den anderen höflich aufforderte erst seinen Schild zu zeigen, bevor er ihm den Helm spaltete. Im Staub des Kampfes dürften die Schilde schon aus nächster Nähe nicht mehr zu erkennen gewesen sein. Wenn dann noch Regen, Blut usw. dazu kam, war von einer Identifizierung gar keine Rede mehr.

Ein Wappen war nicht nur einfach auf  einen Schild gemalt, sondern nach allem was man heute weiß, ein Halbrelief aus gehärtetem Leder, über einen Untergrund aus Gips und über ein Holzgestell in den Formen des Schildbildes gezogen, dann durch schnitzen, ziselieren, punzen, anschließendem vergolden oder versilbern verfeinert, um anschließend noch mit mehreren Farbaufträgen zum Wappenschild vollendet zu werden.

Wenn man davon ausgeht, daß ein Kettenhemd zur damaligen Zeit in etwa den Wert eines Jahreseinkommens des Ritters hatte, dann dürfte man mit dem Wert eines Bauernhofes für einen Schild nicht zu niedrig liegen. Warum also ein Vermögen in jedem kleinen Scharmützel beschädigen oder sogar vernichten?

Wenn die Helmdecke tatsächlich von den Seldschuken abgeschaut sein soll, warum die dunkle Farbe außen und nicht die Helle, das Metall. Tatsächlich trugen die Seldschuken eine Helmdecke, allerdings aus heller Seide gegen die Sonneneinstrahlung und man sollte unsere Vorfahren nicht für so dumm halten, als daß sie nicht gewußt hätten, daß dunkle Farben die Hitze anziehen. Auch die These, daß die Helmdecke im Winter als Mantel diente, kann man getrost als Märchen bezeichnen. In diesem Falle müßte sie aus Wolle (zumindest dickem Stoff) bestanden haben, was im Sommer mehr als hirnverbrannt wäre und auch im Winter wegen des Gewichts – vor allem bei Feuchtigkeit – absolut blödsinnig gewesen wäre. 

Die oben angeführten Argumente sind nur logische Schlußfolgerungen, nachfolgend stehen Argumente, die sich kaum oder gar nicht wiederlegen lassen.

 

 

Es ist aus der Überlieferung bekannt, daß sich Feldherren (z.B. König Richard II.) nach einer Verfolgungsjagd des Feindes, vor eigenen Rittern nur dadurch retten konnten, daß sie den Helm abnahmen. Keine Rede von einer Erkennung durch das Wappen.

Wappen wurden schon in der Urzeit der Heraldik von Familien geführt, die zwar Landeigner waren, aber nachweislich nie dem Ritterstand angehörten (William d´Aubigny, Ralph FitzOrm usw.)

Ein „normaler“ Ritter war ein Einzelkämpfer, der zwar in einem Verband kämpfte, aber eigentlich nicht identifizierbar sein mußte, da er keine Untergebenen hatte, wie z.B. ein Bannerherr. Ein Bannerherr mußte als Feldherr stets identifizierbar sein, damit er verstreute Kämpfer sammeln konnte. Bei Otto Normalritter bestand diese Notwendigkeit nicht, er hatte keine anderen Kämpfer zu führen. Für die Knappen des Ritters dürfte es keine Schwierigkeiten gegeben haben ihren Herrn zu erkennen, da sie ihn Jahre und Jahrzehnte kannten, weil sie mit ihm lebten.

 

Wenn man der Argumentation folgt, dann bestand keine militärische Notwendigkeit zur Führung eins Wappens, für Feldherren hätte ein einfacher Banner genügt.

 

Trotzdem steht man jetzt vor dem Problem, warum das Wappen als Schild und als Rüstung innerhalb kürzester Zeit innerhalb Europas Fuß faßte und zu einem Zeichen der militärischen, bzw. regierenden Schicht wurde.

 

Folgt man der Argumentation von Beryl Platts, dann gab es eine Proto-Heraldik schon seit der Zeit Karls des Großen. Dieser soll der Überlieferung nach schon den Johannis-Adler als Feldzeichen und auch als eine Art Wappen geführt haben. Seine Nachkommen, speziell die Grafen von Flandern, von Boulogne und ihre Verwandten sollen als Feldzeichen schon im 9. und 10. Jahrhundert Zeichen geführt haben, die später auch auf den Wappenschilden erschienen.

Tatsache dabei ist, daß auf dem Teppich von Bayeux  ein Banner mit drei roten Münzen auf Gold zu sehen ist, dem späteren Wappen der Grafen von Boulogne, die auch nachweislich 1066 bei der Eroberung Englands mit dabei waren. (Als eine der wenigen Familien, die heute tatsächlich noch identifizierbar sind)

Gleiches gilt für drei Gürtelschnallen, die später als Wappen der Familie William Mallet, Seigneur of Granville wieder auftauchen. Auch diese Familie gehört zu den wenigen, die nachweislich bei der Schlacht von Hastings dabei waren.

Viele einfache Schildbilder – teilweise als Symbol auf Siegeln -  lassen sich in einzelnen Familien bis weit in die angeblich vorheraldische Zeit nachweisen. (Geschacht bei der Familie de Vermandois z.B.)                

Wenn man davon ausgeht, daß die o.a. Argumentation stimmt, dann waren die Symbole schon vor der „offiziellen“ Heraldik vorhanden, in erster Linie um ein Herrschergeschlecht zu symbolisieren und die davon abhängigen Vasallen und zwar mit einer bestimmten Symbolik, die das damals herrschende Feudalsystem wiedergibt.  Erst in zweiter Linie war es ein militärisches Identifikationssystem.

Natürlich sind die von Platts angeführten Argumente bis heute nicht bewiesen, man kann sie wahrscheinlich auch nie beweisen, aber sie sind mit Sicherheit überlegenswert. Auf jeden Fall würden durch diese oder eine ähnliche Beweisführung viele Ungereimtheiten aus der Heraldik verschwinden.

 

So wäre es klar, daß es sich bei dem Wappen ursprünglich um eine Mode handelte, die sich dementsprechend schnell in Europa verbreitete und zwar in rund dreißig Jahren. Wenn das Wappen „nur“ noch als Symbol für eine bestimmte Familie verstanden sein würde, dann wäre es auch viel einfacher zu verstehen, warum das Wappen auch von „bürgerlichen“ Familien und „Nichtrittern“ geführt wurde und zwar zur gleichen Zeit als die Mode aufkam..

Gleichzeitig müßte man aber auch von der Meinung Abstand nehmen, das der Ritter in voller Turnierrüstung, mit Wappenschild und Helmzier in den Kampf oder das Turnier ritt. Es war dann ein reines Prunk- und Identifikationssymbol, daß vor dem Turnier auf der Helmschau dem staunenden Publikum präsentiert wurde, während der Ritter mit einem viel einfacheren „Kampfanzug“ zum Gefecht schritt.  Man sollte dabei auch nicht vergessen, daß die bildende Kunst in der damaligen Zeit eine ganz andere Symbolik hatte. So wurde der König als Figur immer mit einer Krone dargestellt, gleich ob er im Bad saß, oder im Bett lag. So könnte es durchaus auch so sein, daß ein Ritter immer mit seiner Prunkrüstung in Illuminationen dargestellt wurde, damit auch der Dümmste sofort verstand was gemeint war. Deshalb kann man das Argument der vielen Bilddarstellungen von Rittern in voller Prunkrüstung nicht  anerkennen, diese wären als Symbolik zu verstehen.

Gleichzeitig würde die Loslösung vom militärischen  auch die vielen „Falschfarbenen“ Wappen der Frühzeit erklären und auch Helmdecken, in denen kein Metall auftaucht. Wenn es nicht zur Identifikation aus der Ferne diente, dann brauchte man auch nicht auf die Farbregeln zu achten.  Auch brauchte man die Helmzierden mit dem CW-Wert eines Klaviers nicht mehr wegzuerklären, sondern könnte sie als einfachen Schmuck annehmen. Der vielleicht beim (langsamen) Einritt getragen wurde, beim Turnier aber abgelegt wurde. Analog zu den Mänteln, die Boxer heute beim Gang in den Ring tragen. Es käme ja auch keiner darauf zu vermuten, daß sie in diesen Dingern boxen.

Die oben genannten Unterschiede, zwischen der Prunkheraldik und der wesentlich einfacheren Kriegsheraldik, scheinen sich nun durch archäologische Funde zu bestätigen.

Ein auf Gotland, aus der Schlacht von 1361, gefundenes Massengrab von ca. 600 Rittern (die entgegen der damaligen Sitte nicht vorher ausgeplündert worden sind) belegt, daß die Rüstung eher armselig  denn prunkvoll gewesen ist. Die Helme waren meist einfache Basinetts, von denen als Schutz der Wangen und des Nackens einfache Kettenpanzerung herunterhing. Die Schilde waren einfache Holzschilde mit Metallverstärkungen und einfachen, meist nicht besonders heraldischen Malereien auf der Außenseite. Bei fast allen Schilden war auf der Innenseite der Hl. Sebastian in wesentlich künstlerischer Manier aufgemalt. (Wer in dessen Angesicht starb, der hatte de facto die letzt Ölung erhalten. Er starb also mit den Tröstungen der Kirche.)

Auffallend ist außerdem, daß fast alle Ritter sehr schwer verletzt waren – nach heutigen Gesichtspunkten – und trotzdem noch stehend weiterkämpften. Einem Ritter war mehrfach mit Axt und Schwert der Schädel gespalten worden, den Rest kriegte er durch einen Armbrustbolzen, der Schild, Helm und Schädel durchschlug. Es wurde kaum ein Stück Plattenpanzerung oder Arm- oder Beinschienen gefunden und wenn, dann war es armseliges Eisen und kein Stahl. Bemerkenswert waren außerdem die schweren Fußverletzungen der meisten Toten. Man geht davon aus, daß leichtgepanzerte Knappen auf dem Schlachtfeld umherschlichen und bei passender Gelegenheit dem gegnerischen Ritter die Füße abhackten oder es zumindest versuchten.

Auch der Angriff zu Pferde mit eingelegter Lanze scheint nicht ganz ins Schema zu passen. Natürlich versuchten die Ritter auf dem Rücken der Pferde durch das feindliche Heer durchzubrechen. Wenn es aber beim ersten mal nicht klappte, dann war die ganze Herrlichkeit am Ende, zu einem erneuten Sammeln und zweiten Versuch reichten wohl die Disziplin der Reiter und die mangelnde Kondition der Pferde nicht mehr aus. Es hat sich dann ein Handgemenge entwickelt, bei dem es auf ritterliche Tugenden weniger ankam.